Zu viel Presse im Kopf
34 Ballverluste bringen die Zweitligabasketballerinnen des ASC Mainz um einen möglichen Sieg gegen den MTV Stuttgart. Beim 65:73 sorgt die gegnerische Spielmacherin für Ärger bei den Fans.
Mainz. Wer in der Statistik nach Gründen für die Niederlage sucht, dürfte an zwei Zahlen hängenbleiben. Zum einen an den lediglich fünf Punkten, die dem ASC Mainz im letzten Viertel gelangen – wäre die Offensivleistung stabil geblieben, hätte es zum Sieg gereicht. Zum anderen an den 34 Turnovers, davon alleine 22 in der ersten Halbzeit.
„Die sind sehr, sehr schlimm“, sagte Aron Duracak nach dem 65:73 (60:62, 40:42, 20:21) in der Zweitligapartie gegen den MTV Stuttgart. „Wir hatten vorher ja darüber geredet, dass wir die gegnerische Ganzfeldpresse überspielen müssen. Aber das haben wir zu selten hinbekommen. Und dabei haben wir die meisten Bälle nicht mal weggeworfen, sondern es waren 25 Steals darunter, 19 vor der Pause. Dafür haben wir sogar relativ knapp verloren.
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In normalen Partien liege die Zahl der Ballverluste bei 15 bis 17 – und dann sagt der Trainer in der Regel, es müssten weniger werden. An diesem Abend aber zeigten sich die Mainzerinnen von der aggressiven Stuttgarter Herangehensweise beeindruckt, obwohl Duracak sie darauf eingestellt hatte. „Leider war das so“, bestätigte er. „Ich hatte den Eindruck, dass manche Spielerinnen irgendwann so eingeschüchtert waren, dass sie den Ball gar nicht mehr haben, sondern möglichst schnell loswerden wollten.“
Dabei hatten die Gastgeberinnen so gut begonnen. Als Alina Kraus bei einem Fastbreak vor der Dreierlinie stehenblieb und den Ball versenkte, war dies das 11:2. MTV-Coach Cyril da Silva reagierte, brachte Chanell Williams, und fortan entwickelte sich ein anderes Spiel. Die US-Amerikanerin, mit 1,63 Meter Körpergröße und kaum vorhandenem Körpergewicht ein Basketballfloh, der sich jedoch als extrem bissig erweisen sollte, lieferte die Initialzündung für eine deutlich härtere Gangart.
„Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, und das können die Stuttgarterinnen sehr gut“, sagte Dominique Liggins. „Ich hätte mir aber gewünscht, dass die Schiedsrichter angemessen einschreiten, wenn Grenzen übertreten werden.“ Damit spielte der Mainzer Sportvorstand auf so manche Nickligkeit der Gäste an.
In einer Szene fing Taylor Golembiewski einen Pass in der eigenen Hälfte ab und lief einen Eins-gegen-null-Fastbreak, zumindest wenn man nur die zwischen ihr und dem Korb befindlichen Gegnerinnen zählt. In ihrem Rücken aber eilte Williams heran – und sprang Golembiewski, als diese zum Korbleger hochstieg, von hinten an, umklammerte die Hüfte und zog sie zu Boden.
Die Referees verhängten ein Unsportliches Foul. „Sie hatte weder eine Chance noch die Absicht, an den Ball zu kommen.“ Die Empörung der Mainzer Fans quittierte Williams auf ihre Art: Sie spazierte an der Tribüne vorbei und warf Kusshände ins Publikum. Ungeahndet. „Stattdessen machen die Schiris einen Vermerk auf den Bogen von wegen unfairer Fans und verbaler Angriffe.“
Golembiewski früh ausgefoult
Den Referees warf der Manager fehlende Souveränität vor. „Und sie haben mit der Zeit merklich einseitig gepfiffen.“
Aron Duracak mochte die Niederlage nicht auf die Schiedsrichter schieben, sah seine Frauen aber sehr wohl benachteiligt. „Die Gegnerinnen schieben sehr viel, aber statt das zu pfeifen, bekommt beispielsweise Taylor ein Offensivfoul.“ Für die Mainzer Topscorerin bedeutete dies in der 33. Minute das Aus; beim Stand von 60:65 waren damit die Chancen ihres Teams, die Partie noch zu drehen, dahin.
Zuvor hatte Golembiewski wegen der hohen Foulbelastung eine ganze Weile auf der Bank verbracht, auf dem Feld standen in dieser Phase Alina Dötsch, Alina Kraus, Jordan Barron sowie die beiden Nachwuchskräfte Lena Kröhl und Svea Rehders. Das sah mutig aus, „aber wir mussten ein bisschen experimentieren“, sagte der Coach.
Gut verteidigt
Charlotte Kriebel als erster Aufbau nämlich hatte ebenfalls schon vier Fouls auf dem Konto, Dilara Özdemir fehlte krankheitsbedingt. Dass die ungewohnte Formation dennoch funktionierte, ohne an Boden einzubüßen, lag zum einen an Dötschs Ballvortrag. „Alina kann auf jeder Position spielen, und als gelernte Aufbauspielerin ist sie eine sichere Eins“, sagte Duracak. „Diese Variante und mit Jordan und Lena auf den großen Positionen hatten wir in Testspielen schon ausprobiert.“
Im Spielaufbau war das dritte Viertel mit lediglich drei Turnovers sogar das beste des ASC. Hinzu kam, wie während der gesamten Spielzeit mit Ausnahme weniger Szenen, eine gute Defensivarbeit, dank derer es den Mainzerinnen mehrmals gelang, die Gäste nicht zum Abschluss kommen zu lassen.
Dass sie einen möglichen Sieg gegen den bis dahin punktgleichen MTV verschenkt hatten, war den Mainzerinnen bewusst. „Außer im dritten Viertel haben wir zu viel über die Presse nachgedacht“, sagte Duracak, „und statt den Ball sicher nach hinten zu passen, wollten wir zu oft mit dem Kopf durch die Wand. In der Beziehung müssen wir cleverer werden.“
Dieser Artikel erscheint mit freundlicher Unterstützung von SPORT AUS MAINZ !
Fotos: Stephan Hahne – Fotohahne.de
