Wie ein heißes Messer durch die Butter
Körperlich und mental auf der Höhe: Eine entfesselt aufspielende Libby Epoch führt die ASC-Frauen in der ersten Play-down-Partie gegen die Rhein-Main Baskets zu einem 75:61-Sieg.
Mainz. Der Zeitpunkt, an dem die Mainzer Basketballerinnen das Spiel verlieren würden, war kurz nach Beginn des vierten Viertels erreicht. Soeben war ihre Führung von dreizehn auf neun Punkte geschrumpft, ein handfestes Anzeichen für die sich anbahnende Niederlage. Jedenfalls wäre es in der Hauptrunde der Zweiten Bundesliga so gekommen, in der der ASC die letzten sieben Spiele abgegeben und insgesamt nur fünf von zweiundzwanzig Partien gewonnen hatte.
Diesmal aber, im ersten Play-down-Spiel gegen die Rhein-Main Baskets, zudem der Angstgegner des Theresianum-Teams, lief es anders. Die Gastgeberinnen ließen sich nicht von ein paar gelungenen Aktionen der Gäste bei gleichzeitig eigenem Abschlusspech aus der Bahn werfen, sondern legte eine lange nicht mehr erlebten Widerstandsgeist an den Tag, setzten sich wieder bis auf 19 Punkte ab und mit 75:61 (59:48, 37:29, 20:18) durch.
Schwab wieder Kotrainer
„Diese Intensität und Entschlossenheit habe ich unter der Woche im Training gesehen“, sagte Kotrainer Dominique Liggins, der sich aus dem Coaching heraushielt und sich auf die Rolle des Hallensprechers beschränkte. „Das ist besser für meine Pumpe“, erläuterte er, warum er den Platz neben Cheftrainer Fernando Barron dem vor dieser Saison gekommenen und mit dem damaligen Headcoach Conrad Jackson im Oktober gegangenen Hendrik Schwab überließ.
Schwab hatte er vor Kurzem reaktiviert, „seinen Vertrag hatten wir ja nicht aufgelöst, und er kennt die Mannschaft“ – und der zierte sich nicht. „Wenn ich helfen kann, helfe ich“, sagte er. Lorbeeren für den nicht zwingend erwarteten Sieg mochte er sich nicht aufsetzen. „Ich habe nicht viel gemacht, das waren die Mädels.
Den besseren Auftakt erwischte RMB mit zwei Dreiern von Monika Wotzlaw und Marlen Weber, Letztere traf auch mit abgelaufener Schussuhr zum 4:8. Von solchen Dingen hätten sich die Mainzerinnen noch vor zwei Wochen nachhaltig beeindrucken lassen, jetzt taten sie, als sei nichts gewesen. Libby Epoch leitete mit Anspielen auf Alina Kraus und Alina Dötsch den Ausgleich ein, Jordan Rabe markierte das 11:12 mit ihrem ersten Dreier, ihr nächster Angriff führte sie zum 13:14 über die Grundlinie.
Mehr offensive Optionen
Ein regelrechtes, ungeahntes Offensivfeuerwerk boten beide Mannschaften den gut 600 Zuschauern, darunter ein ordentlicher Block aus Langen und Hofheim, im ersten Durchgang, der dank Kraus‘ Treffer kurz vor Schluss mit zwei Punkten an den ASC ging. Was früh deutlich wurde: Im Unterschied zum im Abschlussklassement einen Platz besser dastehenden Hessinnen verfügten Fernando Barrons Frauen über mehrere Optionen in der Offensive. Bei RMB wusste Wotzlaw im Aufbau meist nicht so recht, wohin mit dem Ball, das Spiel war zu statisch, und Treffer fielen fast nur aus dem Halbfeld.
Hingegen zog der ASC im Angriff eine ganze Reihe von Registern. Die Anzahl der Dreier fiel mit drei von Rabe und einem von Epoch zwar nicht üppig aus, aber das Team fand auch so genügend Mittel für erfolgreiche Abschlüsse (wobei es immer noch reichlich viele einfache Punkte ausließ).
Saskia Krüger beispielsweise vergab in der 13. Minute unbedrängt einen Korbleger – was sich verkraften ließ, weil die Kolleginnen den Ball zurückeroberten und Alina Dötsch zum 23:18 traf. Mit ihrer nächsten Aktion aber traf Krüger nach einer Ballannahme mit dem Rücken zum Korb – das 25:18 war ein Abschluss aus der Kategorie „die Schwierigen macht sie“.
Wie von einem anderen Planeten
Wie von einem anderen Planeten schien Libby Epoch in die Halle gebeamt worden zu sein. Wie ein heißes Messer durch die Butter glitt die Kanadierin ein ums andere Mal durch die RMB-Defense und stand oft vor der Wahl selbst abzuschließen oder eine noch besser postierte Mitspielerin einzusetzen. Ihre statistischen Werte belegten eine ausgesprochen gute Balance: Epoch verbuchte 18 Punkte und 14 Assists.
Ein herausragender Wert, der freilich, was die Assists anging, auch dank der Trefferquoten der anderen zustande kam. Jordan Rabe lief mit ihren 21 Zählern ähnlich heiß, Alina Dötsch ging mit einem Double-Double von 13 Punkten und 16 Rebounds aus der Partie hervor. Krüger blieb bei elf Punkten stehen, weil sie in der 34. Minute ihr fünftes Foul kassierte.
„Der Gegner macht viel Druck in der Defense“, sagte Epoch, „ich habe mein bestes versucht, sie zu durchbrechen.“ Heraus kam ihre beste Saisonleistung, was sich unter anderem auch von der US-Amerikanerin Rabe behaupten ließ. „Ich glaube auch, dass wir heute ziemlich gut waren“, sagte sie. „Vor allem Libby hat einen tollen Job gemacht, mit ihr zu spielen, macht großen Spaß.“
„Das sah aus,
als wären wir ein komplett neues Team
mit unglaublich viel Power“
Defensiv gingen die Mainzerinnen nicht minder engagiert zu Werke. Hatten ihnen in der Rückrunde noch die reaktivierten Pia Dietrich und Paula Süßmann arg zugesetzt, wurden diesmal beide nicht zu herausragenden Faktoren. „Süßmann hat uns in der ersten Halbzeit mit ihren Rebounds wehgetan, und hat in der zweiten Halbzeit neun ihrer zehn Punkte gemacht“, sagte Dominique Liggins. „Sie nicht großartig zur Entfaltung kommen zu lassen, war unser erklärtes Ziel. Damit haben wir RMB ihr Hauptplay weggenommen.“
Auch das trug dazu bei, die mit dem Ende des ersten Viertels eroberte Führung auszubauen und zu bewahren. „Das sah aus, als wären wir ein komplett neues Team mit unglaublich viel Power“, schwärmte Epoch. „Mit diesem Thema haben wir die gesamte Saison über gekämpft: einen Vorsprung zu verteidigen und über die Zeit zu bringen“, sagte Rabe. „Darauf hatten wir heute den Fokus gelegt, wir wissen, dass jeder Punkt zählt.“
Ausruhen wolle sich die Mannschaft auf diesem Polster nicht, versicherte Rabe. „Wir wollen es im Rückspiel am nächsten Samstag nicht aufbrauchen, sondern erneut gewinnen.“ Dann stünde fest, dass der ASC auch im nächsten Jahr zweitklassig spielen darf.

